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Antworten für Hessens Lehrkräfte

Interview der neuen dlh-Landesvorsitzenden vom 10.06.2020 mit HR-Info zum Vollbetrieb an hessischen Grundschulen ab dem 22. Juni

Am 10. Juni wurde um 18 Uhr auf HR-Info ein Interview mit der neuen dlh-Landesvorsitzenden gesendet. Lesen Sie es nachfolgend selbst:

HR-Info: „Aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer: Normalbetrieb an den Grundschulen ab dem 22. Juni – eine gute Nachricht oder haben Sie gemischte Gefühle?“

Annabel Fee: „Wir haben grundsätzlich gemischte Gefühle, da die Grundschullehrerinnen und –lehrer skeptisch sind wegen den Hygieneregeln. Wenn jetzt alle Abstandsregeln fallen, haben natürlich die Lehrkräfte aus der Risikogruppe, die zurzeit freiwillig unterrichten, Bedenken, wie sie sich selbst auch schützen können.“

HR-Info: „Müsste man nicht dem Priorität einräumen, dass es ja auch Schülerinnen und Schüler gibt, die zu Hause sehr schlechte oder keine ausreichende Bedingungen zum Lernen haben oder auch mehr Hilfe brauchen – wäre es denn nicht gut, den Lehrstoff denen vor allem wieder persönlich in der Klasse zu vermitteln?“

Annabel Fee: „Natürlich kann man da nicht immer die Meinungen aller adäquat vertreten. Es ist natürlich so, dass die Situation angepasst werden muss und für die daheimgebliebenen Schülerinnen und Schüler, die nicht die Möglichkeiten hatten, am Homeschooling teilzunehmen, ist es eine große Chance auch wieder Unterricht zu erhalten. Prinzipiell begrüßen wir das natürlich als Lehrkräfte, dass wir unsere Schülerinnen und Schüler auch wieder persönlich sehen. Aber dass die Abstandsregeln in einer unsicheren Pandemie-Lage, wie sie es zurzeit noch ist, komplett fallen, halten wir für sehr bedenklich.“

HR-Info: „In einem Zeitungsinterview hat der Kultusminister gesagt: durch eine risikoarme Testphase könnte man dann hinterher besser einschätzen, ob die Infektionszahlen dann tatsächlich ansteigen und entsprechend reagieren. Wie sehen Sie denn das?“

Annabel Fee: „Er sagt ja, so wie ich das Interview auch interpretiert habe, dass er die Testphase zwei Wochen vor den Ferien starten möchte und man dann ja den Puffer der Sommerferien hat, um dann zu sehen, wie die Infektionszahlen nach oben gehen. Ich sehe das eher so, dass die Schülerinnen und Schüler und die Lehrkräfte ein wenig als „Versuchskaninchen“ missbraucht werden. Denn wir Lehrkräfte haben ja keine Chance, uns dagegen zu wehren. Das ist ja eine Anweisung von oben und die muss umgesetzt werden. Wie die Meinung der Lehrkräfte dazu ist, interessiert keinen – um es mal überspitzt auszudrücken.“

HR-Info: „Jetzt muss man ja irgendwann wieder anfangen im Schulbetrieb. Hätten Sie einen klaren Schnitt besser gefunden? Also erst nach den Ferien zum Beispiel wieder normale Schule mit noch mehr Zeit dazwischen?“

Annabel Fee: „Ja, definitiv, weil erfahrungsgemäß die letzten beiden Wochen vor den Ferien im Schulbetrieb nicht mehr so viel läuft. Natürlich kann man jetzt sagen, die Schülerinnen und Schüler sind jetzt alle nicht ausgelastet und freuen sich alle wieder auf die Schule. Aber letztlich haben wir gesehen, dass jede Woche neue Erkenntnisse kommen und zu erwarten sind. Und ich finde, das jetzt als Testphase zwei Wochen vor den Sommerferien zu starten, persönlich und auch nach Rücksprache mit meinen anderen Kolleginnen und Kollegen eher hinderlich. Ich hätte eher bis nach den Sommerferien abgewartet um zu sehen, wie sich dann die Pandemie entwickelt hat. Das sind immerhin noch acht bis zehn Wochen.“

HR-Info: „Fragen Sie sich als Lehrerinnen- und Lehrervertreter möglicherweise auch, warum denn nicht gleich für alle Schülerinnen und Schüler wieder Normalbetrieb laufen soll, sondern nur für die Grundschulen? Wenn man die Öffnung für die Grundschulen vertreten kann, warum dann nicht auch für die älteren Jahrgänge?“

Annabel Fee: „Ja und nein. Die Kleineren – und das sind meine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen – können sich noch eher an diese Hygienemaßnahmen, die zurzeit gelten, halten als die Größeren am Gymnasium zum Beispiel. Die älteren Schülerinnen und Schüler – nicht alle, ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren – vergessen doch eher ihre Maske oder den Abstand, wenn sie vom Schulhof runter sind und doch wieder zusammen über dem Smartphone hängen um sich was anzuschauen. Die Kleinen bekommen die Regeln noch eher eingeimpft und halten sich da schon ein bisschen besser dran. Das kann ich auch als Mutter so bestätigen.“

HR-Info: „Gucken wir doch mal auf die Elternperspektive: viele Eltern stoßen doch schon zum Beispiel beim Stoff für die weiterführenden Schulen an ihre Grenzen. Also ich käme bei Mathe, 9. Klasse locker nicht mehr mit. Andere kommen vielleicht bei Englisch nicht mehr weiter. Da wäre es doch aus dieser Hinsicht vielleicht besser gewesen, die Älteren wieder in die Schule zu holen, oder?“

Annabel Fee: „Ja, das kann ich schon verstehen. Letztlich ist es eine Ungleichbehandlung, da es für die Kleinen ja auch keine Pflicht ist zurückzukehren. Es heißt ja, es ist auf freiwilliger Basis. Und Eltern, die Bedenken haben, lassen ihre Kinder zu Hause. Eltern, die keine Bedenken haben, bringen ihre Kinder zur Schule. Und die Lehrkräfte vor Ort, die haben keine Wahl. Die müssen unterrichten. Egal, ob die Schülerinnen und Schüler älter sind oder jünger.“

HR-Info: „Wir müssen nochmal auf die älteren Lehrkräfte zu sprechen kommen. Die bisherige Regelung, wonach die Lehrerinnen und Lehrer, die 60 und älter sind, automatisch von der Präsenzpflicht freigestellt wurden, die wird abgeschafft. Man braucht dann ein arbeitsmedizinisches Attest. Das Alter allein also reicht nicht mehr als Begründung. Es müssen auch Risikofaktoren dazukommen um befreit zu werden. Ist das denn nicht vernünftig? Weil es gibt ja auch sehr, sehr fitte 62jährige.“

Annabel Fee: „Ja, natürlich. Es gibt auch fitte 62jährige, die zurzeit freiwillig unterrichten und eigentlich zur Risikogruppe gehören. Die unterrichten freiwillig, weil es die Abstandsregeln gibt und nur die Hälfte der Klasse anwesend ist. Wir hätten ein Problem, wenn diese Freiwilligen aus der Risikogruppe sich jetzt plötzlich auch krank melden mit Attest, weil dann haben wir wieder einen extremen Mangel an den Grundschulen, den wir ja ohnehin schon haben.“

(Das Interview wurde mitgeschrieben und leicht angepasst für eine bessere Lesbarkeit.)