Die aktuellen PISA-Ergebnisse sind mehr als eine neue Zahlensammlung über den Leistungsstand deutscher Schülerinnen und Schüler. Sie werfen grundlegende Fragen nach Bildungsqualität, Bildungsgerechtigkeit und den Rahmenbedingungen schulischer Arbeit auf. In zwei Gastbeiträgen beziehen der dlh-Landesvorsitzende und hphv-Landesvorstandsmitglied Boris Krüger sowie die stellvertretende Landesvorsitzende des vrb hessen und dlh-Kreisvorsitzende Fulda Kerstin Mück Stellung. Ihre Blickwinkel unterscheiden sich – in den zentralen Forderungen treffen sie sich.
Boris Krüger: „Schluss mit dem Ritual“
Boris Krüger richtet den Blick auf die Mechanismen, die seit Jahren auf die Veröffentlichung neuer PISA-Ergebnisse folgen: schlechte Ergebnisse, öffentliche Empörung, Reformankündigungen – und drei Jahre später beginnt die Debatte von vorn.
Für ihn ist PISA deshalb nicht allein ein Bildungsproblem, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher und struktureller Herausforderungen. Besonders deutlich verweist Krüger auf den Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft sowie auf den Lehrkräftemangel. Fachfremder Unterricht, unbesetzte Leitungsstellen, wachsende Bürokratie und zusätzliche Aufgaben entzögen Lehrkräften genau die Zeit und Energie, die für guten Unterricht benötigt würden.
Seine Forderungen sind entsprechend konkret: qualifizierten Fachunterricht sichern, Lehrkräfte spürbar von Verwaltungsaufgaben entlasten, Digitalisierung und KI als Werkzeuge statt als vermeintliche Problemlöser begreifen und die Früh- und Sprachförderung deutlich stärken. Dabei müsse Förderung mit einem klaren Leistungsanspruch verbunden bleiben.
Diese Fokussierung auf gute Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für das Kerngeschäft Unterricht gehört seit Langem zu den zentralen Positionen des dlh.

Kerstin Mück: „Bildung darf kein Sparmodell sein“
Kerstin Mück setzt einen ergänzenden Schwerpunkt. Aus ihrer Perspektive als Förderschullehrerin macht sie deutlich, dass individuelle Förderung Zeit, qualifiziertes Personal und verlässliche Unterstützungsstrukturen benötigt.
Die Stärkung der Basiskompetenzen in Lesen, Schreiben und Mathematik sei notwendig. Gleichzeitig warnt Mück davor, die Konsequenz aus PISA auf „mehr Mathe und Deutsch“ zu verkürzen. Schule müsse junge Menschen ebenso auf Ausbildung und Beruf vorbereiten, Leistungsbereitschaft fördern, Demokratie erfahrbar machen und umfassende Bildung ermöglichen.
Ihr zentraler Appell richtet sich deshalb an die Bildungspolitik: Erfolgreiche Maßnahmen müssen langfristig abgesichert werden. Zusätzliche Förderung dürfe nicht durch Einsparungen an anderer Stelle finanziert werden. Denn vermeintliche Einsparungen im Bildungssystem könnten später teuer werden – durch schlechtere Abschlüsse, schwierigere Übergänge in Ausbildung und Beruf und geringere gesellschaftliche Teilhabe.

Gemeinsame Position: Gute Bildung braucht gute Bedingungen
Gerade die unterschiedlichen beruflichen Perspektiven der beiden Autoren zeigen eine Stärke des dlh. Unter seinem Dach arbeiten mit glb, hphv und vrb hessen drei eigenständige Fachverbände zusammen und bringen die Erfahrungen verschiedener Schulformen und Bildungswege in gemeinsame bildungspolitische Positionen ein.
Bei PISA 2025 ist die gemeinsame Linie deutlich: Basiskompetenzen stärken und Leistung einfordern – aber nicht auf Kosten eines umfassenden Bildungsbegriffs. Individuelle Förderung ermöglichen – aber Schulen dafür auch die notwendigen personellen Ressourcen geben. Früh fördern – statt später Defizite mühsam zu kompensieren. Lehrkräfte von fachfremden Aufgaben entlasten – damit wieder mehr Zeit für Unterricht und pädagogische Arbeit bleibt. Und Investitionen in Bildung verlässlich und langfristig absichern.
PISA 2025 sollte deshalb nicht der Auftakt zum nächsten dreijährigen Ritual aus Alarmismus, Einzelmaßnahmen und anschließendem Vergessen sein. Die Ergebnisse sollten Anlass sein, die Bedingungen für gute Bildung dauerhaft zu verbessern.
Denn gute Bildung braucht qualifizierte Lehrkräfte, Zeit für Unterricht und Förderung, einen klaren Leistungsanspruch und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Oder, wie es die beiden Gastbeiträge auf unterschiedliche Weise auf den Punkt bringen: Schluss mit dem Ritual – Bildung darf kein Sparmodell sein.

